Du möchtest deinen ersten eigenen Singkreis leiten. Vielleicht hast du schon Lieder gesammelt, einen Raum im Blick und eine ungefähre Vorstellung davon, wie schön das werden könnte.
Und plötzlich kommen auch Gedanken dazu, die sich nicht so „schön“ anfühlen:
Was, wenn meine Lieder und Mantras nicht gut ankommen? Was, wenn ich mich plötzlich nicht mehr an die Melodie erinnere? Wenn meine Stimme vor Nervosität wackelt? Was, wenn ich mich beim Begleiten verspiele und aus dem Rhythmus kommen?
Der eigene Singkreis und viele weitere sind meist „imperfection in action“. Er darf lebendig sein und jede Menge Fehler-Variationen enthalten. Du musst sie aber nicht alle auf einmal ausprobieren, sondern kannst sie nach und nach überleben und schauen, was du wieder weglässt.
Hier kommt meine freundliche „Fehlerliste“ für alle, die den Weg vom reinen Mitsingen ins Anleiten eines Singkreises oder Circles gehen möchten.
Typische Fehler beim Singkreis-Leiten
1. Du planst so viele Songs, dass niemand irgendwo ankommt
Natürlich hast du vorher viele schöne Lieder gesammelt. Mantras, Chants, Herzenslieder, Rainbow Songs, einen 4-stimmigen Kanon, zwei Lieder mit Bewegung, und ein Abschlusslied, das unbedingt sein muss.
Also packst du alles hinein, schließlich willst du die ganze Bandbreite ausprobieren, damit alle Stimmen und Stimmungen eingefangen werden.
Das Ergebnis: Deine Teilnehmenden haben gerade die Melodie wirklich verinnerlicht und könnten sich jetzt endlich wirklich entspannen, da bist du bereits beim nächsten Song. Bei deinem Sing-Event waren alle sehr beschäftigt, aber niemand ist wirklich gelandet.
Vorschlag: Weniger Lieder. Mehr Wiederholung. Mehr Raum und Zeit geben. Ein Singkreis wird nicht dadurch reich, dass möglichst viel Neues passiert. Er wird reich, wenn die Mantras und Lieder ganz im Körper ankommen, und das Gehirn das „Nachdenken“ aufgibt.
2. Du lässt die Textblätter immer weg
Du denkst: Der Text ist doch ganz einfach. Nur sechs Zeilen. Vielleicht in Sanskrit, Englisch, Spanisch oder einer Sprache, die du selbst ungefähr phonetisch gelernt hast. Oder so ein paar Strophen auf Deutsch, das geht schon.
Für dich ist der Text vertraut. Deine Gruppe hört ihn zum ersten Mal. Und während du schon beseelt singst, sind die anderen noch angestrengt mit Aussprache und Reihenfolge der Worte und fühlen sich noch unsicher.
Vorschlag: Prüfe vorher, was wirklich entspannt ohne Textblatt geht. Kurze Refrains kannst du gut vorsprechen und vorsingen. Längere Texte brauchen oft erst einmal visuelle Unterstützung (oder viel Zeit zum Lernen).
Und die Schriftgröße sollte das Alter der Teilnehmer und das Kerzenlicht berücksichtigen.
3. Du verteilst so viele Textblätter, dass alle nur noch lesen
Das andere Extrem ist, ein komplettes „Liederbuch“ zu verteilen. Für jedes Lied ein Blatt. Dazu vielleicht noch Übersetzungen, Akkorde und Hintergrundinformationen auf dem Boden liegend oder – angenehmer für die Haltung (aber nicht unbedingt athmophärisch schöner) – auf Notenständern.
Das ist gut gemeint. Aber plötzlich sitzen lösen alle ihre Blicke nicht mehr von den Texten, und die Stimme wird klein. Der Kontakt untereinander und auch mit sich selbst geht verloren.
Vorschlag: Textblätter gezielt einsetzen. Ein Blatt kann Sicherheit geben. Zu viele Blätter ziehen die Aufmerksamkeit ab. Die Frage ist: Was unterstützt das entspannte Singen gerade am besten? Was kann „by heart“, also auswendig aus dem Herzen heraus gesungen werden?
4. Du singst die Melodie immer wieder ein bisschen anders
Du bist musikalisch geübt und hast jede Menge kleiner Varianten und „Melodieschnörkel“ anzubieten.
Wenn du allerdings die Melodie bei jeder Wiederholung leicht veränderst (einfach weil du es kannst) entsteht für die meisten Teilnehmenden ein Rätsel. War das jetzt Absicht? War das schon die Variation? Ist die zweite Zeile immer anders? Soll ich folgen oder warten, bis sich die endgültige Version zeigt?
So entsteht kein gemeinsamer Klang. So entsteht vorsichtiges Hinterherhorchen.
Vorschlag: Sing die Basis-Melodie klar und verlässlich. Wieder und wieder. Gerade einfache Lieder brauchen Stabilität. Die Melodie ist am Anfang kein Ort für kreative Selbstverwirklichung, sondern ein Geländer für alle.
5. Du singst schnell eine zweite Stimme hinein
Zweite Stimmen sind wunderschön. Sie können ein Lied öffnen und vertiefen. Sie können aber auch innerhalb von Sekunden dafür sorgen, dass die Hauptstimme zusammenfällt.
Du denkst: Ich singe mal kurz etwas darüber (oder drunter). Macht ja Spaß. Die Gruppe denkt: Aha, das ist jetzt wohl die neue Melodie. Ich sing da mal mit. Irgendjemand wird schon das andere weitersingen. Ist dann aber oft nicht so.
Vorschlag: Erst muss die Hauptstimme wirklich sicher sein. Nicht nur bei dir. Dann kannst du eine zweite Stimme anbieten oder einen Teil der Gruppe bitten, bei der Basisstimme zu bleiben. Zweite Stimmen brauchen sicheren Boden.
6. Du glaubst, drei Wiederholungen reichen
Für dich ist das Lied nach drei Wiederholungen klar. Du hast es ja auch schon ca. 83 Mal allein gesungen. Im Auto, in der Küche, beim Spazierengehen und innerlich bei allen möglichen Gelegenheiten.
Deine Gruppe dagegen hat gerade erst verstanden, wann der zweite Teil beginnt.
Vorschlag: Begreife Wiederholung nicht als notwendiges „Übel“ zum Lernen, sondern als das tragende Element aller Mantras, Chants und Kreislieder. Lass ein Lied wesentlich länger laufen, als dein nervöser Kopf es vorschlägt. Jede Wiederholung ist auch einzigartig – und wenn es nur Nuancen sind oder die Stimme etwas leichter, leiser oder weicher wird und die Atempausen sich anders gestalten.
7. Du springst zum nächsten Song, damit sich niemand langweilt
Du willst auf keinen Fall jemanden langweilen. Es könnte ja sein, dass das Lied nicht allen so gut gefällt. Und wenn es dann oft wiederholt wird, wird es vielleicht für diesen Teil der Gruppe qualvoll. Also wechselst du schnell. Neues Lied, neue Stimmung, neue Erklärung, neue Tonart, neuer Impuls.
Nur: Langeweile entsteht nicht automatisch durch Wiederholung. Manchmal entsteht sie eher dadurch, dass alles an der Oberfläche bleibt und niemand tief genug in etwas hineinsinken kann. Oft beginnt die Magie erst nachdem niemand mehr mit ihr rechnet. Und plötzlich wird ein Mantra oder Song richtig gut, einfach weil er oft genug gesungen wurde.
Vorschlag: Vertraue der Kraft der Wiederholung und mach weiter, wenn du eigentlich aufhören möchtest. Ändere etwas an Lautstärke, Dynamik, Begleitung oder dem Fokus. Fühle genau hin, ob eine kleine Veränderung oder andere Intention dem Gesungenen neuen „Drive“ gibt.
8. Du singst alle Lieder in deiner bequemen Tonlage
Das ist erst einmal vernünftig. Deine Stimme ist schließlich das Leit-Instrument für alle anderen. Wenn du ein Lied anleitest, sollte sich deine Stimme frei und locker anfühlen. Aber deine Wohlfühl-Lage ist nicht automatisch für die anderen auf eine bequeme Tonlage.
Vielleicht hast du eine eher tiefe Stimme und fühlst dich dort wunderbar zu Hause. Deine Teilnehmenden hängen währenddessen irgendwo zwischen Keller und Stimmbandgymnastik. Oder du zwitscherst ein Lied in einer Höhe, in der andere schon nach der dritten Wiederholung stimmlich gestresst sind.
Heiserkeit, verkrampfte Hälse und diese kleinen verzweifelten Griffe zur Kehle können Hinweise sein, dass die Tonlage nicht für alle gut singbar ist.
Ich habe neulich selbst an einem Singing Circle teilgenommen, den eine Frau mit einer sehr tiefen Stimme angeleitet hat. Die Lieder waren schön. Aber es war mir viel zu tief, und das Mitsingen war richtig anstrengend für mich. Also versuchte ich zwischendurch, eine Oktave höher zu singen. Da war es wieder viel zu hoch und gequetscht. Also habe ich einfach nur gelauscht.
Wenn deine Gruppe aber nur noch lauschet, obwohl sie eigentlich mitsingen möchte, lohnt sich ein Check der Tonlage.
Besser: Probiere aus, ein Lied oder Mantra einmal etwas höher und ein anderes etwas tiefer anzustimmen. So bekommen unterschiedliche Stimmen im Laufe des Abends eine Chance, in ihrer Wohlfühllage mitzusingen.
Gerade bei gemischten Gruppen ist das wichtig. Eine tiefe Frauenstimme kann für Männer manchmal eine schwierige Lage sein, weil Männer einen anderen Wohlfühlbereich haben. Vielleicht kannst du mal zwischendurch fragen, wie sich die Stimme gerade so anfühlt und ob das Mitsingen leicht war…
9. Du vergisst, wie du ein Lied oder Mantra beenden kannst
Ein Lied zu beginnen ist eine Sache. Ein Lied gut zu beenden ist manchmal gar nicht so einfach.
Manchmal läuft ein Mantra gerade schön, die Gruppe ist drin, die Stimmen tragen, und du denkst plötzlich: So, wie kommen wir da jetzt irgendwann zu einem Ende?
Also wirst du leiser. Dann vielleicht wieder lauter, damit das Ende klar wird. Dann singst du noch eine Runde, schaust bedeutungsvoll in die Runde, senkst die Stimme, hebst sie wieder, nickst ein bisschen und hoffst, dass es magischerweise passiert, dass alle gleichzeitig am Ende aufhören und nicht vor Schreck irgendwo in der Mitte der Strophe.
Besser: Überlege vorher, wie du ein Lied beenden möchtest. Zum Beispiel durch eine klare innere Entscheidung, Leiserwerden, ansagen einer letzten Wiederholung, einem Handzeichen oder ein Ausklingen auf einem Summton.
Ein gutes Ende kann organisch, je nach Stimmung entstehen. Die Gruppe darf wissen, wann sie landen kann. (Bei einem Kanon ist da manchmal mehr Ansage nötig…).
10. Du schließt die ganze Zeit innig die Augen
Natürlich kannst du beim Singen auch die Augen schließen. Das hilft, dich innerlich zu sammeln, mehr zu fühlen und lässt dich nicht als „BeobachterIn“ erscheinen. Schwierig wird es, wenn du als Leitung dauerhaft in deiner privaten Klanghöhle verschwindest. Während du innerlich mit dem Universum verbunden bist, sucht deine Gruppe einen Anker bei dir oder kämpft mit dem Text.
Besser: Bleib locker in Kontakt. Schau ab und zu in die Runde. Nicht kontrollierend, nicht pädagogisch wertvoll, sondern wahrnehmend. Ein Singkreis braucht deine Präsenz. Das, was oft mit „Raum halten“ bezeichnet wird.
11. Du lässt dich sofort von angespannten Gesichtsausdrücken irritieren
Manche Menschen sehen beim Singen berührt aus. Andere sehen aus, als würden sie gerade innerlich eine Nebenkostenabrechnung prüfen.
Das muss nichts heißen. Wenn du jeden konzentrierten oder gequälten Gesichtsausdruck sofort persönlich nimmst, wird es schwierig. Dann beendest du vielleicht das Lied, entschuldigst dich für die Auswahl und erklärst, dass du selbst auch nicht genau weißt, ob es das Richtige ist, es aber mal ausprobieren wolltest…
Vorschlag: Nimm Gesichter wahr, aber interpretiere sie nicht zu schnell. Frage dich: Singt die Gruppe miteinander? Braucht sie eventuell mehr Klarheit, mehr Zeit, mehr Energie oder eine Pause? Gibt es mehrere genervte Gesichter? Nicht jede Mimik sofort bewerten, aber aufmerksam zu bleiben macht oft Sinn.
12. Du wirst immer schneller, weil du dich unwohl fühlst
Unsicherheit macht oft Tempo. Du sprichst schneller, singst schneller, erklärst schneller, beginnst schneller das nächste Lied und räumst jede Stille sofort weg.
Vorschlag: Nimm bewusst das Tempo raus. Atme. Lass Stille wirken. Manchmal ist eine stille Pause genau der Moment, in dem Menschen nachspüren und ankommen. Du musst sie nicht mit der nächsten Ansage zudecken.
13. Du lässt alle nur meditativ für sich selbst singen
Mit dem Fokus nach innen zu singen, wie bei den ruhigen Mantras, ist wunderbar. Das gemeinsame Singen geht dann tief, wie eine kraftvolle Meditation oder ein Gebet.
Wenn aber der ganze Abend daraus besteht, dass alle außerlich ganz unbewegt in sich hineinsingen und gar nicht miteinander in Kontakt gehen, fehlt irgendwann der Kreis. Dann sitzt eine Gruppe einzelner Innenwelten im Raum und alle hoffen, dass es sich bedeutungsvoll anfühlt.
Ein Singkreis, wie ich ihn verstehe (aus dem „heilsamen Singen“ kommend) ist nicht nur Innenschau, sondern auch Begegnung und Verbindung miteinander.
Vorschlag: Wechsle zwischen Innenorientierung (meist Mantras und meditative Lieder) und Verbindung (heilsame Lieder, gesungene Tänze, rhythmische Klatschlieder etc.). Es gibt stille Phasen, und es darf Phasen geben, in denen die Gruppe sich hört, sich anschaut, sich besingt, gemeinsam lacht oder in Call and Response geht.
14. Du gehst so liebevoll-dynamisch in Kontakt, dass niemand zur Ruhe kommt
Das Gegenteil ist auch möglich. Du möchtest lebendig anleiten. Also sprichst du alle an, stellst Fragen, animierst, lässt klatschen, lässt aufstehen, sich anschauen, teilen, bewegen, fühlen und erklärst zwischendurch, dass alles freiwillig ist.
Nach zehn Minuten sind alle wach. Nach zwanzig Minuten vielleicht erschöpft. Kontakt kann Verbindung schaffen. Zu viel Kontakt kann sich anfühlen wie Stress.
Vorschlag: Die Dosis macht das Gift. Ein Singkreis braucht keine Daueranimation. Er braucht einen guten Wechsel aus Klang, Stille, Bewegung, Kontakt und Ruhe. Nicht jede Gruppe muss bewusst „aktiviert“ werden. Manche möchten einfach nur nach und nach in die Ruhe kommen.
15. Du ärgerst dich (sichtbar) über jeden Verspieler
Du begleitest mit Gitarre, Ukulele, Trommel oder Harmonium. Und dann gibt es einen hörbar falschen Akkord, eine zu kurze Pause irgendwo, einen verpassten Einsatz, hörbare Unsicherheiten.
Du verurteilst dich im Hinblick auf deine mangelhaften musikalischen Fähigkeiten. Wahrscheinlich haben es einige gar nicht bemerkt. Oder sie fanden es nicht schlimm. Oder waren vielleicht sogar erleichtert, dass da kein „perfekter“ Mensch sitzt.
Vorschlag: Weiteratmen. Einfach weitermachen oder wieder neu einsteigen. Einen Scherz darüber machen kann manchmal passen – wenn er locker rüberkommt. Die Gruppe nicht mit deinem inneren Ärger belasten Wenn der Song, das Mantra zu sehr holpert, beende es und übe noch mal Zuhause weiter.
16. Du gibst Rasseln aus, um den Song rhythmisch aufzupeppen
Eine Rassel kann schön sein. Mehrere Rasseln können ein etwas verstörendes Erlebnis sein. Und es gibt einfach Menschen, die den Rhythmus nicht automatisch im Blut haben. Aber wegnehmen möchtest du ihnen das Ding auch nicht wieder…
Rhythmus kann tragen. Er kann aber auch Unruhe bringen, beschleunigen, zu laut werden, nerven.
Vorschlag: Percussion-Instrumente sparsam einsetzen. Vielleicht spielt nur eine Person. Vielleicht gibst du einen sehr einfachen Rhythmus und spielst ihn erst einmal mit. Vielleicht checkst du noch mal vorher bei einem Tanz, wer den Beat gleich im Körper hat.
17. Du lässt alle beim Kanonsingen weit auseinander stehen
Einen Kanon im Singkreis zu singen ist die einfachste Art der Mehrstimmigkeit. Allerdings fliegen beim Kanonsingen viele schnell aus ihrer Stimme, sobald eine weitere Gruppe einsetzt. Manche halten sich dann das Ohr zum Nachbarn aus der anderen Stimme zu, um bei sich bleiben zu können. Der Impuls ist verständlich. Allerdings ist das „weniger Hören“ eher nicht das Ziel.
Beim Kanon geht es ja gerade darum, bei der eigenen Stimme zu bleiben und gleichzeitig den Gesamtklang zu genießen. Und es ist völlig ok., es immer wieder erneut zu versuchen. Wie im „echten Leben“. Bei sich bleiben und gleichzeitig dem anderen zuhören. Das geht nur gut, wenn der Abstand voneinander nicht zu groß ist.
Vorschlag: Baue einen Kanon langsam auf. Erst alle gemeinsam. Dann zwei Gruppen, danach eventuell mehr. Klare Einsätze. Möglichst nah beieinander stehen, um den gemeinsamen Puls fühlen zu können. Vielleicht dabei mit den Füßen den Rhythmus mitmachen.
Wenn es trotzdem auseinanderfällt, ist das der Moment sich fröhlich noch einmal zurecht zu ruckeln.
18. Du lobst die Teilnehmenden nach jedem Lied
„Das habt ihr aber schön gesungen.“ „Das ging ja schnell, dass ihr die Melodie gelernt habt.“ „Das klang ja fast wie ein richtiger Profi-Chor.“
Motivierend gemeint, aber Lob ist aber auch eine Bewertung. Das Besondere an einem Singkreis oder Singing Circle ist es, dass möglichst gar nicht bewertet wird. Auch Lob schaltet oft ungewollt den alten Leistungsmodus ein. Wir sind ja alle oft viel zu sehr im „ich will alles richtig machen“-Modus – und wollen diese Anspannung doch gerne loslassen.
Vorschlag: Würdige den Prozess. Zum Beispiel: „Ich habe gemerkt, wie wir nach und nach mehr zusammen geklungen haben.“ Oder: „Danke, dass wir so zusammen singen können.“
19. Du kommst in letzter Minute und bringst genug Stress mit für alle
Du wolltest früh da sein. Dann kam das Leben dazwischen. Jetzt schleppst du Instrumente, Kissen, Kerzen, Textblätter, Klangschalen, Deko, Wasserflasche und deine guten Absichten in den Raum.
Die ersten Teilnehmenden kommen an, während du noch versuchst, die eine Mitte zu gestalten, die Gitarre zu stimmen, deine Zettel zu organisieren und zu schauen, dass genügend Stühle oder Sitzkissen vorhanden sind.
Dann beginnst du den Singkreis mit den Worten: „Ich bin auch noch nicht ganz da.“ Zumindest authentisch.
Vorschlag: Plane Ankommen als Teil deiner Leitung ein. Für dich, nicht nur für die Gruppe. Weniger Deko ist manchmal besser als eine wunderschöne Mitte, neben der du erschöpft sitzt.
20. Du zündest die Kerzen alleine an und räumst den Raum auch ganz allein wieder auf
Du bist Leitung, Dekorationsteam, Technikabteilung, Instrumententransport und Gute-Laune-Gießkanne in einer Person. Das wirkt vielleicht hingebungsvoll, macht aber oft auch zerfranst und müde.
Vorschlag: Bitte konkret um Hilfe. „Kannst du noch ein paar Stühle stellen und die Kerzen anzünden?“ Viele Menschen helfen gern, wenn sie klare Ansagen bekommen.
21. Du bittest verschämt um eine Spende
Geld im Singkreis ist ein eigenes Kapitel. Singen gibt es oft „umsonst“ in Chören oder Kirchengemeinden.
Allerdings hast du den Raum gemietet und bezahlt, Inhalte vorbereitet, Lieder gelernt, Material mitgebracht und Teilnehmer „angeworben“. Am Ende sagst du dann eher leise: „Also, wer mag, kann seine Spende vielleicht in die Kiste da legen. Aber nur so viel gerade passt, und sonst ist es auch total okay.“
Damit fühlen sich alle unklar. Du auch. Und später wunderst du dich, warum die Spenden nicht einmal die Raummiete decken.
Vorschlag: Sprich klar über den Beitrag. Wenn es unbedingt „Spende“ heissen sein soll (auch die muss eigentlich „versteuert“ werden), gib eine Orientierung. Wenn es ein fester Beitrag ist, kommuniziere ihn vorher. Wenn Ermäßigung Sinn macht, biete sie einzelnen an. Klarheit ist nicht unspirituell, sondern erwachsen.
22. Du betonst, alles völlig selbstlos für den Weltfrieden zu machen
Natürlich sollte ein Singkreis dem Frieden dienen. Schwierig wird es, wenn du dich selbst dabei nicht ernst nimmst. Wenn du vermittelst, dass du keine Bedürfnisse hast, kein Honorar brauchst, keine Grenzen und du das eigentlich so aus der Hüfte schüttelst.
Das ist auf jeden Fall ehrenwert, aber auf Dauer wahrscheinlich nicht tragfähig.
Besser: Dein Angebot hat einen Wert. Ein Singkreis kann aus dem Herzen kommen und trotzdem gut organisiert sein und einen Beitrag kosten. Du gibst gern und darfst auch nehmen, ohne dich mit den ganz „Heiligen“ zu vergleichen.
23. Du fängst gar nicht erst an, weil die Raummieten so hoch sind
Du hast eine Idee für deinen ersten Singkreis. Du hast Lieder. Du hast Lust. Du hast vielleicht sogar schon eine ungefähre Vorstellung vom Ablauf.
Dann schaust du dir Raumpreise an.
Und plötzlich ist der eigene Singkreis kein Singkreis mehr, sondern eine Unternehmung, die bei dir zu Atemnot führt. Was, wenn nur drei Menschen kommen? Was, wenn du draufzahlst? Wenn du am Ende mehr für den Raum ausgibst, als du einnimmst, und dich dann auch noch fragst, wie man das in der Steuererklärung eigentlich richtig angibt?
Also fängst du lieber gar nicht erst an. Weil diese Gründe manchmal sehr überzeugend klingen, während sie gerade deine tolle Idee stilllegen.
Vorschlag: Starte kleiner. In deinem Wohnzimmer. Im Garten von Freunden. In einem Gemeinschaftsraum. Draußen am See, notfalls hinter einem Busch, wenn der Ort freundlich genug ist und niemand ernsthaft irritiert wird. Nicht jeder Anfang braucht sofort einen schönen Seminarraum mit Holzboden, Fußbodenheizung, Gong und Teeküche.
Wichtiger ist, dass du beginnst. Ein kleiner echter Singkreis ist hilfreicher als ein perfekter geplanter Singkreis, der nie stattfindet.
24. Du mietest sofort einen super Seminarraum
Natürlich soll der Raum schön sein. Aber manchmal wird aus dem Wunsch nach einer guten Atmosphäre eine angezogene Handbremse. Du mietest einen Raum für mindestens 60 Euro pro Stunde, brauchst Zeit zum Aufbauen und Abbauen, planst 90 Minuten Singkreis und hast schon vor dem ersten Ton innerlich eine Teilnehmerzahl ausgerechnet, die mindestens kommen muss, damit du weitermachen kannst..
Vorschlag: Wähle für den Anfang einen Raum, der tragbar ist. Einen Ort, der nicht zu laut ist, aber an dem gesungen werden kann, ohne jemanden zu stören, den die Teilnehmenden gut erreichen können und bei dem du nicht schon vor Beginn finanziell unter Druck stehst.
25. Du bietest deinen Singkreis möglichst unregelmäßig an
Du möchtest flexibel bleiben. Also findet dein Singkreis mal an einem Dienstag statt, dann sechs Wochen später an einem Freitag, dann wieder vielleicht im nächsten Monat, falls der Raum frei ist und Merkur nicht ungünstig steht.
Die meisten Menschen brauchen Wiederholung. Nicht nur bei Mantras und Liedern, sondern auch bei Terminen. Wenn niemand weiß, wann der nächste Singkreis stattfindet, kann sich auch niemand einen Slot in seinem Kalender freihalten. Und jeder Termin wird wieder ein kleiner Neustart.
Vorschlag: Finde einen festen Rhythmus. Wenn möglich mindestens vierzehntägig (wöchentlich ist noch besser), am gleichen Ort, zur gleichen Zeit. Das macht es für alle leichter.
26. Du hörst wieder auf, weil beim letzten Mal nur zwei Leute da waren
Beim ersten Mal waren acht Menschen da. Beim zweiten Mal fünf. Beim dritten Mal zwei. Und schon bist du dabei, dich „noch nicht bereit“ oder „nicht gut genug“ zu fühlen.
Oft sind die Gründe aber nicht so einfach. Vielleicht war das Wetter zu schön, jemand krank, der Termin ungünstig oder deine Einladung zu kurzfristig. Manchmal dauert es einfach, bis Teilnehmer sich eingetaktet haben. Vielleicht war der Abend mit zwei Menschen sogar genau die besondere Übung, die du als Leitung gebraucht hast, auch wenn dein Ego meckert.
Vorschlag: Halte eine Weile durch. Lang genug, um wirklich Erfahrungen zu sammeln. Ein neuer Singkreis braucht oft Zeit, bis Menschen ihn fest in ihr Leben einbauen.
Vielleicht fragst du gelegentlich nach Wünschen. Nicht unbedingt nach einzelnen Liedern, sondern nach der gewünschten Mischung: Mehr Mantras oder mehr deutsche Lieder? Länger singen und öfter wiederholen? Mehr im Stehen oder mehr im Sitzen? Mehr Bewegung? Weniger Kanon? Ist der Raum gut erreichbar? Passt der Beitrag? Ist der Wochentag günstig?
27. Du wartest, bis alles perfekt vorbereitet ist
Du hast noch nicht eingeladen, weil der Flyer noch nicht fertig ist. Die Website-Seite fehlt. Du kannst noch nicht gut genug begleiten. Du brauchst noch ein Logo und noch eine einzige Fortbildung zu Gruppenprozessen, Stimmbildung oder das Verhältnis von Klangschalen-Einsatz und Stille.
Kurz: Du beschäftigst dich intensiv. Nur nicht mit Anfangen. Perfektionismus sagt oft nicht „Ich habe Angst“, sondern: „Ich brauche noch ein bisschen mehr Vorbereitung.“
Vorschlag: Mach den ersten Schritt überschaubar. Entscheide dich für einen Termin, sag ein paar Bekannten Bescheid oder mach einen Aushang im Supermarkt, auf einem Nachbarschafts-Portal o.ä.. Bereite wenige Lieder vor. Eine ganz kleine, wohlwollende Gruppe und Vertrauen, dass du und deine Teilnehmer es überleben werden. Mehr braucht ein Anfang oft nicht.
Was diese „Fehler“ gemeinsam haben
Natürlich ist das Wort „Fehler“ in diesem Zusammenhang nicht ganz ernst gemeint. Du entwickelst nach und nach deinen eigenen Stil und eine „Best Practice“. Die meisten „Stolpersteine“ entstehen aus Unsicherheit. Weil du es gut machen und niemanden langweilen oder nerven willst. Weil du willst, dass alle sich wohlfühlen. Weil du professionell sein möchtest. Nicht zu viel Raum einnehmen und gleichzeitig doch irgendwie leiten.
Aus meiner Erfahrung heraus braucht ein Singkreis keine perfekten Bedingungen. Er braucht Klarheit, Präsenz und deine Bereitschaft, mit dir selbst und der Gruppe in Kontakt zu bleiben.
Souveränität ist dann letztlich das Umarmen der eigenen „Fehler“ und nicht deren Vermeidung.
Singing Circle Starter: Gemeinsam üben, bevor du allein loslegst
Wenn du merkst, dass dich der Schritt vom Mitsingen ins Anleiten interessiert, ist der Workshop bzw. der Basis-Kurs Singing Circle Starter ein geschützter Praxisraum dafür.
Dort geht es um einfache Mantras, Chants, Herzenslieder, den Aufbau deines Repertoires, Sicherheit mit deiner Stimme, Warm-ups für die Gruppe, freies Tönen, Gruppenprozesse, Umgang mit Unsicherheiten und die Entwicklung deines eigenen Sing-Angebots.
Du brauchst keine musikalische Ausbildung, keine perfekte Stimme und nicht unbedingt ein Begleitinstrument. Aber jede Menge Freude am gemeinsamen Singen, Neugier und die Bereitschaft, nicht alles sofort zu können und dich trotzdem damit zu zeigen.
Kurz gesagt: Wir machen gemeinsam „imperfection in action“ und lernen mit- und voneinander. Beim Singen gibt es ja sowieso keine „Fehler“, sondern nur Variationen… (W. Bossinger)
Hier findest du Infos und Termine zum Workshop „Singing Circle Starter“ in Berlin. Melde dich gern bei mir und lass uns gemeinsam schauen, ob deine Teilnahme ein guter Schritt für dich sein könnte.
Lies hier meinen Blogartikel über den Schritt vom Mitsingen zum Anleiten.
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