Die Shruti Box: Klangteppich für Stimme und Mantra

Die Shruti Box war bei mir Liebe auf den zweiten Blick. Ich finde sie nicht besonders formschön (Marke Aktenkoffer), und an ihren Klang musste ich mich erst gewöhnen. Mittlerweile habe ich die kleine Kiste fest in mein Herz geschlossen. Es ist so einfach: öffnen, pumpen, singen.

Die Shrutibox ist die kleine Schwester des indischen Harmoniums. Auch ohne zu üben, kannst du dich mit ihr beim Chanten von Mantras oder beim Improvisieren mit der Stimme ganz einfach begleiten. Mehr über ihre Vor- und Nachteile als einfaches Begleitinstrument erfährst du in diesem Artikel.

Was ist eine Shruti Box?

Eine Shruti Box ist ein indisches Begleitinstrument für das Chanten von Mantras. Sie ist ein „Luftklinger“ (Aerophon) und wird auch Surpeti (swar-peti) genannt. Der Begriff „shruti“ ist ein Ausdruck aus dem Sanskrit („altindisch“) und bedeutet wörtlich „das, was gehört wird.“ Shrutis sind die 22 Mikrotöne einer Oktave in der klassischen indischen Musik.

Eine Shruti-Box produziert allerdings keine Mikrotöne, sondern eine klassische chromatische Tonleiter. An ihrer Vorderseite befinden sich bei der normalen Bauweise 13 Klappen, die du öffnen und schließen kannst. Mit den Händen pumpst du Luft in den Blasebalg der Shrutibox. Dadurch werden die Metallzungen im Inneren zum Schwingen gebracht. Je nachdem, welche der Klappen du öffnest, entweicht dort jeweils die Luft auf einem Ton. Wenn du zwei oder drei Klappen auf einmal öffnest, erklingen mehrere Töne gleichzeitig – du spielst dann einen Akkord.

Die Shruti Box ist ein Bordun-Instrument. Das bedeutet, sie produziert durch den vorhandenen Luftstrom einen immer gleichen, durchgehenden Begleitton – ähnlich wie die tiefen Pfeifen bei einem Dudelsack. Über diesem „Klangteppich“ kann man wunderbar mit der Stimme improvisieren. Sie eignet sich auch als sanfter Dauerklang für eine Meditation oder ein Soundbath, z. B. gemeinsam mit indianischer Flöte oder Klangschalen. Achtung: Du kannst nur die Mantras und Chants damit begleiten, die sich mit wenig Melodie um einen Grundton herum singen lassen.

Shruti Box klein
Shruti-Box mit Tonklappen: geöffnet hier das tiefe C und das höhere C plus G (Quinte) in der Mitte
Shruti Box Rueckseite
Die Rückseite meiner kleinsten Shruti-Box mit Luftventil für den Blasebalg

Shruti Box mit Tastatur

Wenn es eine Tastatur und einen Blasebalg hat, ist es keine Shruti-Box, sondern ein indisches Harmonium. Das ist ein Instrument, das ursprünglich gar nicht aus Indien kam und wenig mit der traditionellen indischen Musik zu tun hatte (hier ein kurzer Artikel dazu).

Der Vorteil des indischen Harmoniums: Du kannst die Akkorde beim Spielen wie auf dem Klavier wechseln, indem du jeweils andere Tasten herunterdrückst. Mit der einen Hand betätigst du den Blasebalg, mit der anderen Hand spielst du die Töne auf der Tastatur. Wenn du es einfach magst, kannst du mit 3 – 4 Akkorden wirklich alle gängigen Yoga-Mantras begleiten.

Harmonium spielen ist grundsätzlich einfach – erfordert im Gegensatz zum Spiel auf der Shrutibox aber doch etwas Übung. Besonders, wenn du nicht Klavier spielst, da ein Basisverständnis von Harmonien, bzw. Akkord-Umkehrungen nötig ist. Beim Spielen des Harmoniums solltest du nämlich möglichst immer einen Finger beim Akkordwechsel auf der Tastatur liegen lassen, um sanfte harmonische Übergänge zu bekommen.

Indisches Harmonium
Ein indisches Harmonium hat eine Klaviertastatur, und du kannst fast alles damit begleiten

Die Shruti-Box spielen

Ein Vorteil der Shruti Box ist, dass du dich komplett auf das Chanten konzentrieren kannst und nicht noch auf Akkordwechsel achten musst. Bevor du anfängst, Luft in das Instrument zu pumpen, öffne immer mindestens eine Ventilklappe, damit der Blasebalg keinen Schaden nimmt.

Klassischerweise kannst du zum Klang der Shruti Box Mantras rezitieren oder chanten. Sie eignet sich aber auch ganz besonders dafür, einfach nach Lust und Laune eigene Töne und Melodien zu erfinden. In dieser Art des intuitiven Singens kannst du dich wunderbar an dem Basis-„Drone“-Ton orientieren. Du lässt dich von ihm tragen, löst dich ab und zu und kommst wieder zurück zur Basis.

Beim Lauschen während des Singens erfährst du die Beziehung zwischen deiner Heimat, dem Drone-Klang und der Freiheit deiner Stimme, die sich darüber erhebt, leicht wie ein Vogel. Der „Heimatklang“ bleibt dir immer im Ohr, während du bewusst die unterschiedlichen Qualitäten deiner Tonsprünge (Intervalle) genießen kannst.

Diese Art des freien, meditativen Singens und Tönens – auch ganz ohne Worte/Text – hilft deiner Stimme flexibler und voller zu werden (Stichwort: Resonanz). Zur Shruti Box frei zu singen ist freudige Art der Stimmbildung. Wenn du mehr darüber wissen willst, komm gerne zu einem meiner Workshops und Retreats.

Sobald du jedoch ein Lieblingslied oder Mantra mit viel Melodie begleiten möchtest, wirst du merken, dass der feststehende Grundton der Shrutibox nicht unbedingt dazu passt. Melodisch eher monotone Chants wie z. B. die traditionellen Mantras Om mani padme hum oder Om namah shivaya eigenen sich hingegen sehr gut für deine Mantra-Meditation. Auch das OM-Chanting beim Yoga kannst du mit der Shruti Box wunderbar unterstützen.

Hier ein einfaches Klangbeispiel, wenn das erste Ventil (C) und das letzte Ventil (c) der Box geöffnet sind. Probier doch mal aus, wie es ist, dazu einfach spontan ein paar Töne zu singen …

Super einfacher Shrutibox-Klang in C

Töne und Stimmung

Die klassische Shruti-Box geht von C bis c‘ über eine ganze Oktave (8 ganze Töne = 13 chromatische Halbtöne). Die Ventilklappen sind übereinander in zwei Reihen angeordnet. Wenn du dir die Anordnung wie auf einer Klaviertastatur vorstellst, sind die untere Klappen-Reihe die weißen Tasten (C, D, E, F, G, A, H, C), und die obere Reihe die schwarzen Tasten (# Kreuze): (Cis, Dis, Fis, Gis, Ais/B).

Für einen vollen Klang kannst du zusätzlich zu dem gewählten Grundton noch eine oder zwei weitere Klappen öffnen. Am schönsten klingt zur Gesangsbegleitung die Quinte (also 5 Töne über deinem Grundton) oder auch die Quarte (z. B. 4 Töne unter dem Grundton).

Als „NichtmusikerIn“ kannst du einfach die Zahl der Klappen abzählen: Wenn du gern mit dem Ton C als Grundton singst, öffnest du auf der Standard-Shrutibox die erste Klappe (Ton C) und zählst dann 6 Klappen hoch und öffnest die 7. Klappe für das G. Zusätzlich kannst du noch die letzte Klappe dazu öffnen, die ja wieder ein C ist wie auch die erste. Wenn du eine etwas tiefere Stimme hast: öffne das E (5. Klappe) und dazu noch das A (von da wieder die 5. Klappe).

Probiere einfach aus, du hörst sofort, was für dich gut klingt. Auch wenn du keine Ahnung von Noten hast, kannst du mit dem Abzählen der Ventilklappen schnell den richtigen Klang zur Mantra-Begleitung finden. Das Tolle: Du musst danach nichts mehr verändern und kannst einfach lossingen. Schreib mir gern einen Kommentar, wenn ich dir noch ein Erklär-Video mit einer genauen Anleitung machen soll.

Shruti Box
Die Nachbarn freuen sich, wenn ich mal im Grünen spiele (hoffentlich…)

Shrutibox kaufen

Bei fast allen Instrumenten-Shops gibt es die Box in drei verschiedene Größen: S, M oder L. Welche für dich passt ist eine Frage von Preis, Gewicht und Einsatzmöglichkeit. Je größer, desto teuer (ca. 100 bis 400 Euro) und schwerer (2 bis 3 Kg für die kleineren, bis zu 4 Kilo für die große Shrutibox). Hier schau genau hin – es gibt leichtere Bauweisen (z. B. von Paloma aus Recon statt Teakholz) und massive, schwere Shrutiboxen. Klanglich macht das für meine Ohren keinen Unterschied.

Die kleinste Shruti-Box sieht niedlich aus, reicht für den einfachen Mantra-Hausgebrauch und lässt sich super in die Tasche stecken für den Urlaub. Sie hat aber den Nachteil, dass auch ihr Blasebalg klein ist, und du häufiger pumpen musst. Es ist daher nicht so einfach wie bei den großen Instrumenten, gleichmäßige, aber auch sanfte Töne zu erzeugen.

Mit der größten Shruti Box kannst du leichter die Lautstärke variieren – von ganz leise bis sehr kräftig für die Begleitung größerer Gruppen. Sie hat zwei Standfüße zum Ausklappen, damit sie sicher steht. Die Nachteile der großen Shruti-Box liegt auf der Hand: Sie ist etwas unhandlicher und wesentlich teurer.

Für das Chanten von Mantras auch für Yoga-Lehrer ist die mittlere Größe oft ein guter Kompromiss. Die Lautstärke reicht aus für die Begleitung von Gruppen, und du musst weniger häufig pumpen als bei der kleinsten Größe. Für Oberton-Sänger und Profi-Musiker ist die große Shruti Box der Deal.

Wichtig: Kaufe möglichst nicht das billigste Instrument von Amazon direkt aus Indien. Der Klang wird dich wahrscheinlich enttäuschen. Die Chancen stehen auch gut, dass die lange Reise zu einem Haufen Sperrholz im Paket führt.

Investiere lieber etwas mehr in eine Shruti Box der Marken M. K. Sardar oder Paloma, die noch einmal nach ihrer langen Reise gecheckt und nachgestimmt wurden. Bei einem erfahrenen Instrumenten-Profi wie Steinklang.de bist du bei deinem Kauf auf jeden Fall in guten Händen. Meine neue Shrutibox (von Paloma aus Recon-Material) hat übrigens zwei Wochen lang ziemlich streng gerochen. Das vergeht aber nach und nach …

Shruti Box Paloma
Hier meine neue große Shruti Box von Paloma mit Standfüßen

Die meisten Shruti Boxen haben den Grundton C. Das passt gut zu den meisten Frauenstimmen. Es gibt sie aber auch mit G oder F als Grundton. „Männliche“ Shruti-Boxen sind einfach eine Oktave tiefer gestimmt.

Übrigens: Die westliche Standard-Stimmung für klassische Konzerte ist 440 Hz. Es gibt aber zunehmend auch Instrumente mit 432 Hz-Stimmung. Diese Stimmung gilt bei Sound Healing Profis als besonders heilsam und wird zunehmend beliebter. Bedenke einfach, dass du mit einer 432 Hz Shrutibox nicht mit auf 440 Hz gestimmten Instrumenten wie dem Klavier, Standard-Blasinstrumenten und anderen Klanginstrumenten zusammenspielen kannst. Was für dich persönlich stimmig ist, kannst du nur mit deinen Ohren und aus dem Gefühl heraus entscheiden.

Fazit

Wenn du den Klang des indischen Harmoniums bereits vom Mantra Chanting, Kirtan oder aus dem Yoga-Studio kennst und magst, ist die Chance groß, dass die Shrutibox deine Freundin wird. Sie ist einfach und leichter zu händeln als das Harmonium, aber eben auch nicht so vielseitig.

Die Shruti Box unterstützt dich, wenn du gern chantest und dich danach sehnst, freier zu werden mit deiner Stimme. Auch wenn du Yogalehrerin bist, ist sie neben dem Harmonium eine echte Bereicherung für deinen Yoga-Unterricht. Grundsätzlich empfehle ich dir das Chanten von einfachen Mantras als eine wirkungsvolle Meditation, um den alltäglichen Stress loszulassen und Kopf und Herz freizubekommen.

Beeindruckend, was alles möglich ist mit der kleinen Zauberbox
Die Shrutibox in ihrer Vielfalt als mittelalterliches Instrument

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