Für mich ist Heilsames Singen ein echter Glücks-Booster. Besonders wenn ich müde bin, Schultern und Nacken verspannt sind und ich einfach den Kopf freibekommen möchte. Wir treffen uns in einem großen Raum, meist einmal in der Woche. Wer Singlust hat, kommt, singt anderthalb Stunden mit und geht nachher oft froh und in bester Stimmung nach Hause.
Hier sind meine vier Gründe, warum Heilsames Singen ein fester Bestandteil meines Lebens ist.
Heilsames Singen bringt mich aus dem Kopf in den Moment
Zu Beginn gibt es ein kurzes Warm-up für Körper und Stimme. Arme und Beine schütteln, Schultern kreisen, weiches Räkeln und Strecken. Ein bisschen Gesumme und Gebrumme, um die Stimme aufzuwärmen. Alles mit Humor und einigen Lachern. Da geht es bei mir schon los mit der Entspannung.
Wir singen einen bunten Mix aus fröhlichen, rhythmischen Songs aus aller Welt und ruhigen Liedern auf Deutsch oder Englisch. Die Lieder haben wenig Text und werden oft wiederholt, sodass sie nach kurzer Zeit sicher auswendig gesungen werden können.
Zwischendurch bewegen wir uns auch im Stehen oder Gehen. Beim Singen klassischer indischer Mantras geht der Fokus eher nach innen. Da den Nicht-Yogis die Beine im Lotossitz ziemlich schnell einschlafen, gibt es für die ruhigeren Mantras und Lieder natürlich auch Stühle.
Gerade die vielen Wiederholungen ganz einfacher Lieder tun meinem eh schon oft verknoteten Gehirn gut. Ich muss irgendwann nicht mehr darüber nachdenken, welcher Text oder Ton als Nächstes kommt. Nach einer halben Stunde Singen bin ich schon an einem besonderen Ort: im aktuellen Moment. Müdigkeit oder Terminstress spielen jetzt keine große Rolle mehr. Ich bin einfach da und singe.
Beim Heilsamen Singen muss niemand „gut“ singen
Wenn Du lange kaum gesungen hast, kann sich Deine Stimme erst einmal ziemlich eingerostet anfühlen. Das Gute beim Heilsamen Singen ist: Rost auf der Stimme spielt keine Rolle.
„Es gibt keine Fehler, nur Variationen“, sagen meine Lehrer Wolfgang und Katharina Bossinger, die das Heilsame Singen in Deutschland wesentlich mitgeprägt haben.
Etwas schief und ungeölt singen geht hier klar. Niemand will mit einer ausgebildeten Stimme Eindruck machen.
Es ist ein bisschen wie im Chor und gleichzeitig ganz anders. Wir nehmen jeden Ton unbekümmert so, wie er kommt. Es spielt keine Rolle, ob ich beim Kanon meinen Ton oder meine Stimme immer sicher halten kann. Alle Erinnerungen an verkrampften Musikunterricht in der Schule dürfen Pause machen.
Dass es weder Proben noch Aufführungen gibt, ist für mich ein echtes Plus. Termine und Verpflichtungen habe ich schon genug. Ich will mich frei fühlen beim Singen. Auch frei von den Bewertungen anderer.
Besonders aber von meinen eigenen Leistungsansprüchen. Nichts sollte anders oder besser sein. Alles ist gut genug. Beim Heilsamen Singen lasse ich alle Prüfungen und Noten meines Lebens hinter mir.
Heilsames Singen schafft Gemeinschaft
Ich liebe Heilsames Singen, weil mein Herz dabei weit und offen wird.
Interessant finde ich, dass gemeinsames Singen auch körperliche Rhythmen beeinflussen kann. In einer kleinen Studie zeigte sich, dass die musikalische Struktur Atmung und Herzfrequenzvariabilität der Singenden aufeinander abstimmen kann; besonders deutlich war das bei langsamem gemeinsamen Mantra-Singen.
Gesungen wurde und wird in vielen Kulturen bei Feiern, Ritualen und gemeinschaftlichen Anlässen. Und auch heute lässt sich gemeinsames Singen noch ganz unmittelbar erleben – zum Beispiel im Fußballstadion. Für viele von uns ist Singen im Alltag allerdings kein selbstverständlicher Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens mehr.
Wenn ich meine Stimme gemeinsam mit anderen klingen lasse, fühle ich mich zu Hause. Verbunden mit den Momenten, in denen ich als Kind noch völlig unbekümmert und inbrünstig Volkslieder gesungen habe. Mit Abenden am Lagerfeuer bei Jugendfreizeiten.
Ich habe keine Erwartungen an die Singgruppe. Wir sind nicht verwandt, nicht unbedingt alte Freunde. Kein Networking aus Jobgründen, kein sportlicher Ehrgeiz. Nach kurzer Zeit entsteht beim Heilsamen Singen oft ein angenehm entspanntes Gemeinschaftsgefühl. Offen und liebevoll und ohne Vergleiche untereinander.
„Du kannst ja toll singen“ ist nämlich auch eine Bewertung, die Schatten wirft.
Beim Heilsamen Singen kann ich jedem mit ganzem Herzen in seiner Einzigartigkeit begegnen.
„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“
So oft wird diese Stelle aus dem Buch „Der kleine Prinz“ zitiert.
Es wird mir wieder bewusst: Alter, Aussehen und Fitness sind nur eine äußere Hülle, die unseren persönlichen Kern nicht berührt. Ich singe das Lied „Du bist ein heller Stern … Danke, dass es Dich gibt“ mit allen und meine es wirklich ernst.
Was Heilsames Singen mit Gesundheit zu tun haben kann
Es hat lange gedauert, bis ich den Begriff „Heilsames Singen“ selbst in meiner Arbeit benutzt habe. Er wirkte auf mich etwas zu esoterisch. Wahrscheinlich, weil ich gegen jede Art von Heilversprechen ziemlich allergisch reagiere.
Das Wort „heilsam“ soll ja auch nicht bedeuten, dass Du urplötzlich von allen Krankheiten geheilt bist.
Trotzdem gibt es inzwischen interessante Forschung dazu, wie gemeinsames Singen auf Wohlbefinden, Stress und soziale Verbundenheit wirken kann. Die Ergebnisse sind nicht in allen Bereichen eindeutig. Einige Studien zeigen zum Beispiel nach entspanntem Singen oder Chanting niedrigere Cortisolwerte; bei einer stressreichen Auftrittssituation kann Cortisol dagegen auch steigen. Die Wirkung hängt also unter anderem davon ab, wie und in welcher Situation gesungen wird.
Auch langsames, rhythmisches Singen und Mantra-Rezitation können Atmung und Herzfrequenzvariabilität beeinflussen. Gerade bei einem gleichmäßigen Atemrhythmus um etwa sechs Atemzüge pro Minute wurden solche Zusammenhänge untersucht.
Das Heilsame an dieser Form des Singens ist für mich aber vor allem die Erinnerung an das, was wirklich wichtig ist: liebevolles Zusammensein und sich angenommen fühlen, mit allen persönlichen Macken. Dass nicht die Leistung zählt, sondern ich als Mensch. Einfach so, weil ich bin, wie ich bin.
Gemeinsames Singen kann soziale Verbundenheit fördern und Gefühlen von Einsamkeit und Isolation etwas entgegensetzen.
In meinen eigenen Singgruppen für Heilsames Singen verbinde ich Bodenständigkeit mit einer offenen Spiritualität. Jede Menge Humor ist auch mit dabei, damit auch Skeptikerinnen wie ich sich wirklich entspannen können.