Wenn Du nach Mantrasingen in Berlin suchst, denkst du vielleicht an indisches Harmonium, klassischen Kirtan und einen sehr spirituellen Rahmen. Etwas anders ist es schon in meinen Singkreisen.
Wir singen in den Singing Circles zwar regelmäßig indische Mantras, aber nur in ganz einfacher Version, ebenso wie Chants aus aller Welt, einfache Herzenslieder und andere leicht mitsingbare Healing Songs („heilsame Lieder“). Ich begleite meistens mit der Gitarre. Die Melodien sind einfach, viele Lieder werden lange wiederholt, manchmal bewegen wir uns dazu, manchmal wird es still. Zum gemeinsamen Lachen ist auch genug Raum.
Mich interessiert diese Mischung aus Meditation und Lebensfreude. Ich mag spirituelle Traditionen und die besondere Qualität von Mantras, gleichzeitig bin ich ziemlich bodenständig, mag solides Wissen und reagiere empfindlich auf große Heilversprechen. Wenn Du ein schlichtes Singangebot ohne Leistungsdruck und allzu viel Hokuspokus suchst, könnte das also ganz gut passen.
Mein Mantrasingen ist anders
Mantras sind ein wichtiger Teil meiner Singkreise, aber eben nur ein Teil. Deshalb stelle ich meine Abende in den Kontext von internationalen Singing Circles oder den Singkreisen für gesundheitsfördernes „heilsames“ Singen.
Wir singen kurze Mantra-Zeilen, Chants und einfache Lieder, die auch Menschen schnell aufnehmen können, die zum ersten Mal dabei sind. Manchmal singe ich eine Zeile vor und die Gruppe antwortet, manchmal singen wir von Anfang an gemeinsam.
Dabei interessiert mich weniger, ob eine bestimmte Form musikalisch möglichst authentisch reproduziert wird. Ich möchte einen Raum schaffen, in dem Menschen ihre Stimme benutzen, zur Ruhe kommen, gemeinsam klingen und gleichzeitig etwas von ihrer Lebendigkeit spüren können.
Das kann sehr ruhig werden. Muss es aber nicht. Ein rhythmisches Lied mit Gitarre, Klatschen und Bewegung gehört für mich genauso dazu wie ein Mantra, nach dem wir einfach eine Weile still sitzen.
Was ist Mantrasingen?
Der Begriff „Mantra“ stammt aus dem Sanskrit und bezeichnet eine sprachliche oder klangliche Formel, die vor allem in hinduistischen und buddhistischen Traditionen verwendet wird. Eine Formel, die die Gedanken fokussiert und bei der Meditation unterstützt. Mantras können gesprochen, innerlich wiederholt oder gesungen werden.
Beim Mantrasingen kommt zur Wiederholung eine Melodie hinzu. Häufig sind Text und musikalische Struktur so überschaubar, dass man nicht ständig überlegen muss, welche Strophe oder welcher Akkord als Nächstes kommt. Genau diese Einfachheit mag ich sehr.
Im westlichen Sprachgebrauch wird allerdings vieles als „Mantra“ bezeichnet, was im engeren Sinn keines ist. Deshalb spreche ich bei meinen Singkreisen bewusst von Mantras, Chants und Liedern. Darunter sind Sanskrit-Mantras, aber auch einfache deutsch- oder englischsprachige Lieder und Gesänge aus anderen Zusammenhängen.
„Chanting“ verwende ich dabei eher als Sammelbegriff für einfaches, wiederholendes Singen mit fühlbarem Rhythmus. Die Melodie darf schön sein, aber nicht kompliziert. Niemand braucht Notenkenntnisse. Nach einigen Wiederholungen verschwindet das Textblatt sowieso aus dem Blick, falls es überhaupt eins gab.
Kirtan ist etwas anders
Mantrasingen wird bei uns häufig mit Kirtan gleichgesetzt. Das ist nicht ganz dasselbe.
Kirtan ist eine devotional geprägte Singpraxis aus indischen religiösen Traditionen und eng mit Bhakti, also dem Weg der Hingabe, verbunden. Häufig wird im Wechsel gesungen: Eine Person singt eine Phrase vor, die Gruppe antwortet. Instrumentale Begleitung ist verbreitet, aber dafür braucht es keineswegs zwingend eine ganze Band.
Auch Vedic Chanting ist noch einmal etwas anderes. Dabei werden vedische Texte nach sehr genau überlieferten Regeln rezitiert. Aussprache, Betonung und Tonhöhen spielen eine wichtige Rolle; die Tradition wurde über Jahrhunderte mündlich weitergegeben und steht auf der UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes.
Das biete ich so nicht an. Für klassische Kirtan-Abende oder Vedic Chanting Unterricht gibt es in Berlin spezielle Angebote.
Bei mir ist die Form freier. Ich nehme Elemente aus dem Mantrasingen und Chanting auf und verbinde sie mit dem, was ich seit Jahren in meinen Singkreisen wichtig finde: Stimme, Atem, Wiederholung, Entspannung, Bewegung, gemeinsames Klingen und Freude.
Warum so viel Wiederholung?
Wenn ein Lied kompliziert ist, bin ich zunächst damit beschäftigt, es richtig zu machen. Wo geht die Melodie hin? Was kommt als Nächstes? Habe ich den Text noch?
Bei einem einfachen Mantra oder Chant passiert nach einigen Wiederholungen etwas anderes. Die Melodie ist bekannt, der Text sitzt halbwegs und mein Kopf muss weniger organisieren. Ich kann stärker hören, atmen und wahrnehmen, wie sich die eigene Stimme im gemeinsamen Klang anfühlt.
Die vielen Wiederholungen und die Einfachheit – meist auch Einstimmigkeit, ist für Menschen, die aus einem klassischen Chor kommen, manchmal ungewohnt. Dort geht es häufig um mehrere Stimmen, Stücke, Einsätze und musikalische Genauigkeit. Alles wunderbar – aber eine andere Form des Singens.
In meinen Singing Circles darf ein Lied eine Weile bleiben. Manchmal wird es dadurch ruhiger, manchmal lebendiger. Und manchmal merkt man nach der zehnten Wiederholung, dass man erst jetzt wirklich aufgehört hat, dabei nachzudenken und ganz im Moment angekommen ist. Das nenne ich dann gern „Singtrance“.
Singen ohne Leistungsdruck
Viele Erwachsene haben seit Jahren oder Jahrzehnten kaum noch gesungen. Nicht unbedingt, weil sie es nicht mögen. Oft haben sie irgendwann beschlossen, dass ihre Stimme eben nicht besonders gut sei.
Manchmal steckt ein Satz aus der Schulzeit dahinter: „Du singst falsch.“ Oder die Erinnerung, im Chor möglichst leise mitsingen zu sollen. So etwas hält erstaunlich lange.
Deshalb gibt es in meinen Singkreisen kein Vorsingen und keine Prüfung, ob Du den richtigen Ton triffst. Auch musikalische Vorkenntnisse brauchst Du nicht.
Natürlich hören wir aufeinander. Ich gebe eine Melodie und eine Tonlage vor und versuche, einen gemeinsamen Klang entstehen zu lassen. Aber hier soll niemand beweisen, dass er oder sie singen kann.
Etwas schief oder ungeölt singen ist in Ordnung.
Ich möchte selbst frei singen können – und dazu gehört für mich auch die Freiheit von ständiger Bewertung. Ein Singkreis darf musikalisch schön klingen. Er bereitet aber keine Aufführung vor.
Und ja: Leistungsgedanken können sich sogar in Angebote einschleichen, in denen eigentlich Entspannung auf dem Programm steht. Wer ist tiefer drin, wer kennt alles schon auswendig, wer kann einfach so eine zweite Stimme dazu erfinden?
Das ist auf jeden Fall total egal und wird einfach übersungen…
Was Singen bewirken kann
Manche nennen diese Form des gemeinsamen Singens Heilsames Singen. Ich benutze den Begriff „heilsame“ eher zurückhaltend, weil er schnell nach einem Versprechen klingt. „Gesundheitsfördernd“ empfinde ich zwar passend – aber etwas zu sperrig und „medizinisch“.
Es gibt auf jeden Fall gute Gründe, gemeinsames Singen nicht nur als netten Zeitvertreib zu betrachten. Seit einiger Zeit wird recht viel dazu geforscht. Ein aktueller systematischer Review von 2026 zeigt ein differenziertes Bild: Für das soziale Wohlbefinden finden sich bei Gruppensingen überwiegend positive Ergebnisse; bei psychologischen und körperlichen Wirkungen ist die Studienlage gemischter.
Interessant finde ich besonders die soziale Seite. Gemeinsam zu singen bedeutet, den eigenen Atem und die eigene Stimme mit anderen zu teilen, ohne viel reden zu müssen. Studien zum Gruppensingen finden immer wieder Hinweise auf soziale Verbundenheit und positive Veränderungen des individuellen Wohlbefindens.
Auch Chanting wird untersucht. In einer kleinen Studie von 2024 waren nach zwölf Minuten gemeinsamem vokalem oder stillem Om-Chanting sowohl die gemessenen Cortisolwerte als auch die selbst berichtete Angst niedriger; beim hörbaren Chanten sank die berichtete Angst stärker. Eine einzelne kleine Studie beweist natürlich noch keine allgemeine Wirkung von Mantrasingen, aber sie zeigt, warum das Thema wissenschaftlich interessant ist. Und dass es wahrscheinlich kein Zufall ist, dass Chanting immer ein Teil unserer kulturellen Herkunft war.
Für mich persönlich ist die Erfahrung einfacher: Nach einer Weile verändert sich meine Aufmerksamkeit. Der Kopf wird weniger wichtig, ich nehme meinen Atem und meine Stimme stärker wahr, und beim gemeinsamen Singen entsteht häufig eine besondere Mischung aus Ruhe und Wachheit.
Für wen passt der Singkreis?
Zu meinen Singing Circles kommen Erwachsene mit sehr unterschiedlicher Singerfahrung. Manche haben früher im Chor gesungen oder tun es weiterhin, andere singen höchstens im Auto, und einige sind überzeugt, dass sie eigentlich gar nicht singen können.
Du musst auch keine bestimmte spirituelle Haltung mitbringen. Wenn Dir ein Sanskrit-Mantra etwas bedeutet, hat das seinen Platz. Wenn Du es einfach gern singst, weil Klang und Wiederholung Dir guttun, ist das genauso in Ordnung.
Achtung: Wir sind nicht besonders abgehoben, allzu heilig oder esoterisch wertvoll. Eher bodenständig und herzlich.
Für mich passt das gerade deshalb gut zusammen. Ein ruhiges Mantra kann sehr innig werden, und fünf Minuten später lachen wir vielleicht, weil jemand einen guten Spruch gemacht hat oder ich mich beim Begleiten so schön verspiele.
Der Kreis ist für Menschen, die gern singen oder das Singen wiederentdecken möchten. Vielleicht suchst Du Entspannung oder meditative Momente nach einem vollen Tag. Vielleicht möchtest Du wieder mehr Kontakt zu Deiner Stimme und Deinem Körper haben. Oder Du hast einfach Sehnsucht nach Gemeinschaft, Freude, Anbindung und etwas weniger Denken.
Mantrasingen in Berlin
Meine offenen Singing Circles in Berlin finden zur Zeit regelmäßig in Berlin-Pankow/Niederschönhausen statt. Wir treffen uns derzeit meist zweimal im Monat im Haus der Familie am Brosepark. Zusätzlich gibt es einzelne Singabende an verschiedenen Orten. Die aktuellen Termine, Orte und Beiträge stehen immer auf meiner Singing-Circles-Seite hier.
Du kannst einfach zum Singen kommen. Du brauchst kein Instrument, keine Noten und keine Vorerfahrung. Wenn Du bisher unter „Mantrasingen Berlin“ gesucht hast, aber eigentlich etwas weniger traditionell, weniger festgelegt und etwas alltagstauglicher möchtest, dann bist Du bei meinen Singing Circles wahrscheinlich ziemlich richtig.
Hier findest Du die aktuellen Singing Circles und hier die Wochenenden und Retreats.
Wenn Du nicht nur mitsingen, sondern selbst lernen möchtest, einfache Mantras und Lieder für Gruppen anzuleiten, gibt es außerdem meinen Singing Circle Starter in Berlin. Dort geht es sehr praktisch um Stimme, Liedauswahl, Anleitung und die ersten Schritte vom Mitsingen ins eigene Anleiten.
Ich freue mich, wenn wir uns irgendwann im Kreis begegnen.
Literatur